Globale Handelskonflikte, neue Regulierungen, technologische Sprünge und geopolitische Unsicherheiten – was vor wenigen Jahren noch als Ausnahme galt, ist heute der Normalzustand. Lieferketten verändern sich im Monatsrhythmus, Märkte verschieben sich über Nacht, regulatorische Anforderungen werden komplexer und dynamischer. Für Einkaufsorganisationen bedeutet das: Der vertraute Werkzeugkasten aus Kosteneffizienz, Volumenbündelung und langfristigen Rahmenverträgen reicht nicht mehr aus.
Statt reaktiv auf Störungen zu reagieren, ist jetzt strategisches Vorausdenken gefragt. Der Einkauf steht an einem Wendepunkt – und wer ihn nicht nutzt, riskiert, den Anschluss zu verlieren.
1. Die neue Realität: Fünf Kräfte, die den Einkauf verändern
Um zu verstehen, warum ein Paradigmenwechsel nötig ist, lohnt sich ein Blick auf die fünf größten Treiber, die heute über den Erfolg globaler Einkaufsstrategien entscheiden:
- Geopolitische Spannungen und Handelskonflikte: Ob Strafzölle zwischen China und den USA, Exportbeschränkungen oder neue Handelsabkommen – politische Entscheidungen wirken heute direkt auf Lieferketten. Ein einziger Zollbeschluss kann aus einem profitablen Vertrag einen Verlustbringer machen.
- Nachhaltigkeit und ESG-Anforderungen: Was früher ein Nice-to-have war, ist heute Pflicht. Unternehmen stehen unter wachsendem Druck, ökologische und soziale Standards einzuhalten. Verstöße bedeuten nicht nur Reputationsschäden, sondern auch Bußgelder, Lieferstopps oder Marktausschluss.
- Technologische Risiken: Digitalisierung ist kein Projekt mehr, sondern eine Daueraufgabe. Gleichzeitig wächst der Druck, IT-Landschaften zu integrieren, Systeme sicher zu betreiben und Cyberrisiken zu managen. Wer hier zu kurz denkt, riskiert hohe Folgekosten.
- Unsichere Verfügbarkeiten: Single Sourcing und Just-in-Time-Strategien stoßen an ihre Grenzen. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell Lieferketten reißen können – und wie teuer es ist, wenn es keinen Plan B gibt.
- Regulatorische Komplexität: Neue Gesetze – von Lieferkettensorgfaltspflichten über Umweltvorgaben bis hin zu KI-Regulierungen – verändern das Spielfeld. Compliance wird zum strategischen Wettbewerbsfaktor.
Die gemeinsame Herausforderung dieser Trends: Sie treten nicht isoliert auf, sondern wirken gleichzeitig – und verstärken sich gegenseitig. Einkaufsorganisationen müssen lernen, damit umzugehen, dass Unsicherheit zur neuen Konstante geworden ist.
2. Klassische Strategien stoßen an ihre Grenzen
Lange Zeit lautete die zentrale Aufgabe des Einkaufs: Kosten senken und Versorgung sichern. Doch dieser Fokus greift heute zu kurz. Unternehmen, die weiterhin primär auf Preisoptimierung setzen, laufen Gefahr, strategische Risiken zu übersehen – und in der Krise handlungsunfähig zu werden.
Die neue Realität verlangt nach einer Neuausrichtung entlang mehrerer Dimensionen:
- Weg von kurzfristigen Einsparungen – hin zu langfristiger Resilienz. Wer heute nur auf den günstigsten Anbieter setzt, riskiert morgen Lieferausfälle oder teure Nachverhandlungen.
- Weg von reiner Lieferantenverwaltung – hin zu echten Partnerschaften. Strategisches Lieferantenmanagement bedeutet, Abhängigkeiten zu reduzieren, Innovationen gemeinsam zu entwickeln und gemeinsam auf Marktveränderungen zu reagieren.
- Weg von statischen Verträgen – hin zu dynamischen Anpassungsmechanismen. Vertragswerke müssen heute flexibel genug sein, um mit Markt-, Preis- oder Regulierungsschwankungen umzugehen.
3. Neue Erfolgsfaktoren für den Einkauf der Zukunft
Wie kann eine moderne Einkaufsstrategie aussehen? Drei Prinzipien stehen im Zentrum:
- Diversifizierung und Szenarioplanung: Single Sourcing ist passé. Erfolgreiche Unternehmen setzen auf Dual Sourcing, bauen regionale Alternativen auf und integrieren Notfallszenarien in ihre Planungen. Wer schon heute parallel einkauft oder neue Beschaffungsmärkte erschließt, kann im Ernstfall schneller reagieren.
- Transparenz und Datenintelligenz: Nur wer Risiken frühzeitig erkennt, kann sie aktiv managen. Dazu gehört nicht nur die Sicht auf den direkten Lieferanten, sondern auch auf dessen Zulieferer. Digitale Werkzeuge und Echtzeit-Reporting schaffen hier entscheidende Vorteile und ermöglichen proaktives Handeln.
- Nachhaltigkeit und Compliance als Pflichtprogramm: Regelkonformität ist kein administratives Detail mehr, sondern Voraussetzung für Marktzugang. Erfolgreiche Einkaufsorganisationen prüfen ESG-Kriterien kontinuierlich, beziehen Lieferanten aktiv ein und behalten regulatorische Entwicklungen im Blick.
- Einkauf wird zur strategischen Führungsaufgabe: Die vielleicht wichtigste Veränderung: Einkauf ist heute weit mehr als operative Beschaffung. Er ist strategischer Partner der Unternehmensführung – und entscheidend für Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. Dazu braucht es nicht nur neue Prozesse und Technologien, sondern auch ein verändertes Rollenverständnis. Einkaufsteams müssen lernen, mit Unsicherheit umzugehen, Szenarien zu denken, Risiken zu antizipieren und unternehmensübergreifend zu handeln.
Leadership im Einkauf bedeutet heute: nicht auf Krisen zu reagieren, sondern sie vorauszudenken.
5. Fazit: Jetzt ist der Moment zum Umdenken
Die nächsten Jahre werden entscheidend sein. Unternehmen, die ihre Einkaufsstrategie jetzt konsequent auf Resilienz, Transparenz und Zukunftsfähigkeit ausrichten, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil. Alle anderen riskieren, von geopolitischen und regulatorischen Veränderungen überrollt zu werden. Der Einkauf der Zukunft ist nicht mehr Getriebener der Märkte – sondern Gestalter von Stabilität, Innovation und Wachstum.
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Author: Hamid Taheripour – Senior Manager Performance & Strategy, KPMG
Hamid Taheripour berät internationale Unternehmen bei Einkaufstransformationen und digitalen Beschaffungsprojekten. Er unterstützt dabei, Einkaufsprozesse zu optimieren, Digitalisierungspotenziale zu nutzen und nachhaltige Effizienzsteigerungen zu erzielen. Sein Ansatz verbindet strategische Prozessanalyse, technologische Expertise und praxisnahe Umsetzung




